Artist: One Fine Day
Title: One Fine Day
Label: Ferryhouse
VÖ: bereits erschienen
written for Stardust Magazine
Fünf Höllennasen tanken Super
Nein, das ist nicht der neue Titel eines neuen, trashigen Gottschalk-Krüger-Kino-Manifests, sondern die locker-flockige Umschreibung, die Gitarrenschwinger Hendrik sich und seinen sympathischen Kumpanen mit vorgehaltener Pistole geben würde. Aber auch nach genauerer Betrachtung der mittlerweile vorliegenden Fakten, liegt doch tatsächlich eine Menge Wahres in dieser Bezeichnung. Nein, die Hamburger sind keine Ausgeburten des Herrschers der Finsternis und haben auch schöne Nasen, dafür starten die Herren dieser Tage aber wahrlich beachtliche Anstrengungen, um eines schönen Tages groß herauszukommen!
Und dieser schöne Tag liegt näher als zuvor. Schaut man sich den Aufwand an, mit dem ONE FINE DAY in den letzten Wochen und Monaten angepriesen wurden, kann man nicht umhin, ein „Respekt!“ auszusprechen. „Ausgezeichnet“, gibt Sänger Marten zu Protokoll, der es sich, ebenso wie Basser Marco, auf dem Sofa of Hell gemütlich gemacht hat. „Unser Label steckt einiges an Arbeit rein, die haben doch einige Hoffnungen in uns gesetzt, aber wir ja auch in uns selber“, gibt er lachend zu. „Das Label kann Tausend mal gute Arbeit machen, aber was nützt es, wenn die Band scheiße ist?“ – „Da bin ich mir ja nicht so sicher, da scheiden sich ja noch die Geister“, kommt es seitens der Bandkollegen zurückgeschallt, die sich allesamt in bemerkenswerter guter Laune zusammengefunden haben. „Nein, im Ernst. Es ist für uns natürlich auch ein tolles Gefühl, zu merken, dass alle komplett dahinterstehen, dass alle sagen: So jetzt! Jetzt passiert was! Im Gegenzug setzen wir uns auf den Hintern, arbeiten an uns und sind auch noch zu jeder Schandtat bereit. Wir kommunizieren fast alles mit dem Label, da wird abgestimmt und vorgeschlagen, das ist absolut kein ‘Boss-Arbeitnehmer-Verhältnis’. Das ist wirklich geil.“
Emily vs. Jeannie
Auch Viral Marketing ist nicht spurlos an den Verantwortlichen vorbeigegangen, gab es doch mysteriöse Hinweise im Web auf ein Mädchen namens Emily, welches nicht aufzufinden war. Dazu ein passendes Bild mit verweinten Mädchenaugen, und die Synapsen machen Klick! Irgendwie erinnert das alles an Falco und seinen „Jeannie“-Skandal. „Das hören wir nicht zum ersten Mal“, bemerkt Marco, „deswegen haben wir auch gleich gesagt: Dann lass sie mal zwei Meter groß und über 100 Jahre alt sein, damit die Leute nicht gleich auf dumme Gedanken kommen. So was kann schnell falsch verstanden werden, und das wollen wir halt nicht. Das Allerletzte, was wir wollen, ist, dass uns irgendjemand einen furchtbar traurigen Brief schreibt, in dem steht: ‘Meine Tochter ist auf diese Art und Weise verschwunden.’ Das würde mich echt betroffen machen.“ Aussage hin oder her: Die besagte Emily hat den Einzug in deutsche, aufgepoppte Radiosender gefunden und läuft in Dauerrotation. Die Entscheidung, die Ballade, die wie so oft natürlich nicht repräsentativ für das gesamte Album ist, auszukoppeln, war also goldrichtig. Aber was ist schon repräsentativ für ein Album, auf dem eigentlich keine Nummer wie die andere klingt…
Der rote Faden oder: Erlaubt ist, was Spaß macht
Musikalisch gibt sich das Quintett auf dem mittlerweile dritten Album also hoch ambitioniert und abwechslungsreich. Bleibt die Frage, ob man sich schon vorweg ausreichend Gedanken um die Live-Umsetzung gemacht hat? „Generell haben wir uns beim Songwriting keine Grenzen gesetzt und auch keine Gedanken, wie wir das Ganze auf die Bühne bekommen. Letztendlich musste das dann auch ganz schnell gehen, als wir den Support-Slot für die Subways bekamen. Zwei Wochen haben wir Zeit gehabt, und das war wirklich eine Herausforderung, aber wir haben es dann doch geschafft. Aber die Songs sind einfach wir selbst, und deshalb schaffen wir das auch irgendwie. Ein bisschen was musste natürlich vom Band kommen, damit die Atmosphäre…“ – „Was?!“, ruft Marco empört in den Raum und unterbricht seinen Sänger, „das höre ich zum ersten Mal!“ – „Ja, nee, ist klar, wir nehmen 10.000 Streicher mit auf Tour“, erwidert Marten wissend lächelnd. „Wenn du bei ‘Emily’ halt Streicher hast, packen wir die auf den Sequencer. Als wir uns das Album vornahmen, dachten wir natürlich schon: Oh Gott, Oh Gott, da sind ja doch Ausflüge in verschiedene Musikrichtungen drauf, aber wenn ich das Album mit dem vorigen vergleiche, dann denke ich, dass wir von unserem blauen Album alles spielen können und zudem noch eine schöne, große Show daraus machen können. Auf dem „Damn Right“-Album sind mindestens zwei Stücke drauf, die ich gar nicht mehr unbedingt spielen muss, aber das ist, glaube ich, normal.“ Damit hat Marco das Thema abgeschlossen, und es wird sich mit dem alten Beelzebub „Sell-Out“ befasst.
Wer Visionen hat, sollte zum Augenarzt gehen
Diesen Leitsatz von Helmut Schmidt wollen wir einmal völlig wertfrei als Einstieg zur Bewertung des medialen Zirkus’ nehmen. Fragen wir doch gleich einmal, ob so ein Song wie `Emily` nicht etwas für den Bundesvision Song Contest gewesen wäre. „Wenn wir den Song so hätten performen können, wie wir wollen, warum nicht? Wir sind da ganz umkompliziert. Natürlich hat man seine ethischen, politischen Grenzen. Aber ich hätte das gemacht! Und Ihr?“, beantwortet Marco die Frage und gibt den Ball an seine Kollegen ab. „Jo!“, gibt Marten in bestem Norddeutsch zurück. „Auf Deutsch wäre die Nummer noch einmal eine andere Sache gewesen“. „Aber ich habe ja gesehen, dass man auch einfach eine englische Strophe nehmen kann, das reicht ja dann auch. Das Gute an der englischen Sprache ist eben, dass die Texte irgendwie subtiler herüberkommen. Erstmal lässt du die Musik sacken und beschäftigst dich erst im Nachhinein mit den Texten. Ich finde einfach, dass die Sprache schöner klingt als unsere eigene“, sinniert Marco mit aufrichtigem Ernst.
Auch zu der meist undankbaren Aufgabe, Support für eine andere Band zu sein, macht Marco sich so seine Gedanken: “Es ist schon eine schwierige Situation, vor allen Dingen, wenn du Songs hast, die in verschiedene Richtungen gehen. Du hast eine halbe Stunde Zeit, die Leute haben die Songs noch nie gehört, und du willst trotzdem überzeugen. Für uns war es grandios zu sehen, dass man die Leute nach dem zweiten, dritten Song für sich gewinnen kann. Zumindest einen Großteil, es gibt natürlich immer ein paar Leute, die nichts mit einem anfangen können. Von den Reaktionen her, die wir nach den Konzerten mit den Subways bekommen haben, war das schon mehr als gut.
Arena, Arenen, Renate
„Die großen Bands brauchen keine Schublade“, kommt es trocken aus Hendriks Mund, und nach kurzem verstörtem Blick wird herzhaft gelacht. „Natürlich kann man den Hörer überfordern“, beginnt die Antwort auf die Frage nach dem Stil-Clash auf dem Album, „aber wenn du sagst, man muss heute alles in eine Schublade stecken und der Crossover-Gedanke wäre tot, dann sage ich dir, Crossover ist auch eine Schublade. Aber du musst es so sehen: Dann ist auf jeden Fall für jeden was dabei!“ Und wieder provoziert der bemützte Gitarrenmann großes Gelächter. „Man kann aber ja auch anhand von Deichkind sehen, dass man Erfolg haben kann, wenn man seine Fans überfordert“, wirft Marten ein.
Schaut man sich aber einmal den Erfolg von Rise Against an, die die Hamburger Sporthalle mit 7.000 Fans ausverkauft haben, kommt natürlich die Frage auf, wie so etwas heutzutage zu erreichen ist: „Rise Against sprechen einen großen gemeinsamen Nenner an“, beginnt Marco seine Analyse, „das ist für mich die einzige Erklärung. Das ist ja nun mal überhaupt keine Radioband.“ Und Marten fügt hinzu: „Das ist eine Community-Band, und zudem sind sie auch noch großartig. Ich würde sie so ein bisschen mit Rage Against The Machine vergleichen, weil sie auch so Revoluzzer-mäßig mit dabei sind und viele Gefühle wecken. Die sind halt sehr nah an den Leuten dran.“ – „Ich finde es geil, dass so was passiert, aber auf der anderen Seite ist es schade, dass es so was nur einmal pro Genre gibt – dass die Konzerte wirklich ‘von-bis’ besucht werden. Im Moment ist da ein unglaubliches Gefälle, entweder sind die Konzerte unglaublich gut besucht, oder da stehen 30 Leute rum. Ich finde es komisch, dass sich die Leute so auf eine Band stürzen, anstatt ihre Aufmerksamkeit etwas weiter zu fächern“, gibt Hendrik zu bedenken. Aber Marco hat noch eine weitere Erklärung: „Man muss auch sehen, dass die Medien immer weniger werden, in denen du dich über neue Musik informieren kannst. Und da zentriert sich das halt irgendwo.“
Passion Before Fashion?
Tragen ONE FINE DAY privat doch öfter Merchandise von so illustren Bands wie den Suicidal Tendencies oder Strike Anywhere, findet man im Sound nicht unbedingt viel von diesen Einflüssen. „Dann musst du die Platte noch zwei, drei mal hören“, erwidert Marco schelmisch. „Ich denke nicht, dass sich das in unserer eigenen Musik widerspiegelt“, übernimmt Marten das Wort. „Wir haben alle einen sehr unterschiedlichen musikalischen Background, und wenn du jetzt auf Strike Anywhere abzielst: Ich fand die Jacke einfach total geil.“ „Fashion Victim!“, hallt es aus allen Mündern und wieder einmal wird herzhaft gelacht. „Die Band mag ich natürlich auch, sympathische Jungs allemal, aber man wird doch auch mal Klamotten anziehen dürfen, ohne dass man es in seine eigene Musik einbinden muss“, erklärt er abschließend. „Wenn man Suicidal geil findet, heißt das ja nicht, dass man sich von da aus nicht weiterentwickelt“, räsoniert Marco weiter. „Und manchmal ist es ja auch nur eine Attitüde, die man mag. Du findest einfach geil, wie andere Bands sich geben.“ – „Wir kommen aus ganz verschiedenen Richtungen, und das alles unter einen Hut zu kriegen, ist natürlich nicht ganz einfach, aber so weit ich weiß, sind wir mit dieser Situation ganz glücklich“, schließt Hendrik das Thema ab.
Platte! Ich label dich!
Plattenfirmen: Ein Auslaufmodell? „Wenn alle Labels so wie unser Label Ferryhouse wären, hätte ich noch unbedingtes Vertrauen in das Label-Modell“, lautet es überzeugend aus Marcos Mund. „Es gibt aber auch viele bedenkliche Entwicklungen“, wirft Hendrik ein. „Dadurch, dass viele Plattenfirmen nur noch Aktiengesellschaften sind und alle sechs Monate ihre Erfolgskurve vorweisen müssen, hast du halt so komische Sachen wie „DSDS“, wo Leute schnell entwickelt werden müssen, aber auch schnell wieder fallen gelassen werden, ziemlich tief. Die geben natürlich Leuten eine Chance und eine Plattform, aber ob der Preis okay ist, den sie zahlen müssen?“ – „Es wird darauf hinauslaufen, dass Bands sich selbst managen. Für ein paar Hundert Euro, kann jeder mittlerweile Zuhause eine verdammt gute Aufnahme machen, das war vor ein paar Jahren noch unvorstellbar. Und über das Internet, MySpace, gibt es ja regelrechte Vertriebsmöglichkeiten. Es gibt halt unendlich viele Wege und Möglichkeiten, Bands zu hören und zu konsumieren, aber es wird sich, nach wie vor, letztendlich das beste Produkt durchsetzen. Sei es, dass sie live geil sind oder die Songs Klasse haben.“ – „Ich hoffe nur, dass wir endlich mal aus dieser Umbruchszeit herauskommen, denn für CDs kann man im Moment überhaupt nicht mehr argumentieren. Erzähl mal einem 15-Jährigen: Hier hast du eine CD, ist ein Riesenteil, da sind zwölf Stücke drauf, kostet 18,- Euro. Und er hat da seinen MP3-Player, wo tausende von Stücke draufpassen, und das Ding kostet nur einen Bruchteil davon. Wie willst du da argumentieren? Da muss ganz einfach das geeignete Medium gefunden werden“, gibt Marco zu bedenken. „Ich denke, es geht hier nicht um das Medium, der Fokus sollte einfach wieder auf die Musik gelenkt werden“, fasst Marten das Ganze noch einmal bodenständig zusammen.
Zum Abschied gab es dann noch den ultimativen Wunsch kredenzt: „Einmal mit Slayer auf Tour und gucken, ob die nicht wirklich einen dritten Gitarristen hinter der Bühne haben!“ Aber mit Beyoncé würden sie auch auf Tuchfühlung gehen wollen. So sind sie, die Punk-Rocker von heute!
One Fine Day – Emily
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