Spreken Sie deutsch?
MIKE DOUGHTY ist einer dieser Künstler, der es nie geschafft hat, den geraden Weg zu gehen. Den meisten sicherlich noch als Frontmann der New Yorker Alleskönner-Band Soul Coughing bekannt, verlor der gute Mann im Jahre 2000 erst seine Band und dann seine Drogen. Es folgte die Quasi-Erlösung à la Johnny Cash, und Mike setzte sich in seinen Van und begann Akustik-Konzerte zu spielen, verkaufte dabei seine CDs aus dem Kofferraum und nahm einige Alben und EPs auf, die in unseren Breitgeraden nie offiziell erschienen.
Das geschmackssichere Label Noisolution nahm sich derer an und will das deutsche Publikum mit „Introduction“ (einem Quasi-Best-Of) für den sympathischen Künstler begeistern. Neben Solo-Auftritten spielte Mike im ausverkauften Knust zu Hamburg vor Bosse und konnte sogar vor dem zumeist jugendlichen Publikum bestehen. Das liegt natürlich zum einen an den wunderbaren Kleinoden unaufgeregten, Pop-sensiblen Songwritertums, aber zum anderen auch an seinem grenzenlos sympathischen Auftreten und der Tatsache, dass er über mehr als rudimentäre Deutschkenntnisse verfügt. So schmettert er ein freudiges: „Hallo! Wie geht es dir?“ entgegen und besteht darauf, große Teile des Gesprächs auf Deutsch zu führen. „So wenige Amerikaner sprechen eine andere Sprache, es ist peinlich“, kommt es dann auch in unserer Heimatsprache aus seinem Mund, „wir sprechen noch nicht einmal spanisch, obwohl 30% unserer Bevölkerung spanischer Abstammung sind. Es ist verrückt! (oder verruckt, dieses verdammte „ü“ – Anm. d. Verf.) Besonders nach 9/11! Wir waren immer von unseren Ozeanen beschützt, aber das gibt es nicht mehr! Wir sind ein Teil dieser Welt, und es gibt so viele Dinge, die uns von den anderen abgrenzen. Für mich das größte Rätsel: Fußball. Soccer hat in Amerika überhaupt keine Bedeutung, da holen sie David Beckham nach LA: nichts! Verrückt! Dass wir das metrische System nicht benutzen? Ist verrückt. Und trotzdem sollen wir diese Super-Macht sein? Die letzten Jahre waren der letzte Dreck, selbst wenn ich auf Tour war, vor allem zur Zeit der Bush-Jahre, war es einfach grausam. Die Leute haben uns gehasst! Aber ich weiß, dass die Deutschen Obama lieben, das ist unheimlich gut für uns.“
Bleibt nur die Frage, ob Mr. Obama etwas ändern kann? „Ich weiß es nicht. Ich habe so viel emotional in ihn investiert. Aber für mich ist er der erste wirklich `smarte` Präsident, der klug und – hoffentlich – ehrlich ist. Bis jetzt schlägt er sich aber ganz gut.“ Und unvermittelt fügt er hinzu: „Viele amerikanische Indie-Bands sprechen übrigens deutsch, warum das so ist, weiß ich aber auch nicht. Ich bin einfach nur glücklich, in Deutschland zu sein, ich wollte schon vor vielen Jahren hierher kommen. Ich bin grundsätzlich neugierig und lerne jetzt die Sprache, schlecht zwar, aber ich lerne sie. Ich möchte gerne eine Beziehung zu Eurem Land aufbauen. Außerdem halte ich Eure Sprache für eine sehr schöne Sprache. Als wir damals mit Soul Coughing auf Tour waren, besuchten wir ganz Europa innerhalb von zwei, drei Wochen, da hat man ja nichts richtig kennen gelernt.“ Deswegen fährt MIKE DOUGHTY ernsthaft freiwillig mit der Deutschen Bahn durch unsere Landen… Er muss uns wirklich gern haben.
Eine haarige Angelegenheit
Auf dem Track `Fort Hood` baut er die berühmte Sequenz „Let the sunshine in“ aus dem Musical `Hair` ein. Warum das so ist, erklärt er folgendermaßen: „Also, erst einmal ist Fort Hood eine Station der Armee in Texas, die die meisten Soldaten in den Afghanistan und Irak-Kriegen verloren hat. Mein Vater war in der Armee, wir haben sogar mal kurzzeitig in Mannheim gelebt, so um 1980 herum, aber ich schweife ab. Ich habe mir die originale japanische Version des Songs heruntergeladen, und es war total lustig, dann kam der Chorus, der wiederum in Englisch war, und es war auf einmal so kraftvoll. Vor ein paar Jahren schrieb ich dann diesen Song, als der Krieg in vollem Gange war, und es hat mich einfach bewegt. Da ich aus New York komme, habe ich auch einen HipHop-Background, und daher ist es für mich ebenfalls natürlich, einen Teil eines anderen Songs zu nehmen und den woanders einzubauen. Auf den Song bekam ich übrigens meist nur gute Reaktionen. Ich habe sehr viele E-Mails von Soldaten bekommen, schließlich handelt der Song ja davon, was in den Köpfen der Soldaten vorgeht, wenn sie aus dem Krieg zurückkommen, die schlimmen Dinge, die sie gesehen haben. Da ist dieses 19-jährige Kid, das eigentlich total unschuldig ist, wenn es aus dem Krieg zurückkommt, ist es komplett fucked. Da gibt es Selbstmorde, Tötungsdelikte, viele schlimme Dinge passieren mit diesen Leuten. Und die Mentalität der Armee ist natürlich nicht: Hey! Ich habe ein psychisches Problem! Great! Offensichtlich wird das höchstens als Schwäche ausgelegt. Niemand hat sich darüber Gedanken gemacht, am allerwenigsten die Republikaner, die den Krieg angefangen haben. Und ich habe wirklich erwartet, dass die Leute den Song nicht richtig verstehen wollen, aber die Masse an E-Mails war umwerfend. Und die Masse an Soldaten, die gegen den Krieg sind, hat mich noch mehr umgehauen.“
Hier fragt sich der gemeine Europäer natürlich, warum die Leute nicht mehr nachdenken und sich für die Armee verpflichten lassen. „In Deutschland werdet Ihr doch eingezogen, oder? Amerika ist, glaube ich, das einzige Land, in dem man freiwillig zur Armee geht. Machst du in Amerika das Fernsehen an, wirst du mit Werbung für die Army überzogen. Es ist verrückt, die sehen aus wie Trailer für Hollywood-Action-Blockbuster. Und das Ziel dieser Clips sind eben die 19-Jährigen. Die werden dann eingesammelt, weil sie vielleicht keine andere Zukunft sehen, und dann in den Krieg geschickt. Von denen dachte keiner daran, dass sie in einen absolut nutzlosen Krieg geschickt werden. Aus Vietnam haben wir nichts gelernt, außer dass du keine eingezogene Armee in einen beschissenen Krieg senden kannst, aber eine Armee aus Freiwilligen. Aber nach dem Irak-Desaster gab es ja kaum noch Leute, die sich für die Army meldeten, was ja wohl verständlich ist. Da wurden eben die Zulassungsbedingungen gesenkt, jetzt haben sie die weniger Schlauen am Wickel, selbst bis 36 kannst du dich jetzt melden, wahnsinnig.
An Apple A Day Keeps The Doctor Away
MIKE DOUGHTY ist eine facettenreiche Persönlichkeit, ist in einem Moment ernsthaft, um im Bruchteil einer Sekunde wieder anderen Gedanken nachzuhängen. Dennoch scheint er keinen rechten Überblick über seine „Obst-Lieder“ zu haben. „Ich habe eine Obsession für Früchte? Wie kommst du denn darauf?“, entgegnet er auf meine dahin zielende Frage. „Ich habe mein letztes Album doch nur „Golden Delicious“ genannt, wo geht es denn noch um Obst?“ ‘Nectarine (Part 1)’, was ist denn damit? „Ach herrje, stimmt, das ist ja auch auf dem Album.“ Vegetarier ist er aber nicht: „Nein! Nein! Ich mag sehr gerne Fleisch.“
Kommen wir doch mal auf sein Video zu `27 Jennifers` zu sprechen, in dem sich junge Damen in Unterwäsche auf seinem Bett herumtrollen, das Ganze in „Paris Hilton Night-Vision“ gedreht. Waren das wirklich 27 Jennifers? „Oh ja!“, schmunzelt er vor sich hin, „die habe ich auf MySpace gefunden: Ich suchte Jennifers für ein Video. Und daraufhin habe ich eine Menge Mails bekommen. Dann waren Scrap, mein Cellist, und ich ganz allein in meiner Wohnung mit den Mädels. Alles jugendfrei! Immer jugendfrei! Mit Musik und allem! Aber das war komisch, da waren auf einmal diese ganzen Mädchen, die ich nicht kannte und die mich fragten, ob sie sich ein Handtuch ausleihen können. Sie wussten ja alle, worauf sie sich einließen, ich hatte es ja vorher erzählt. Da saßen dann vier Mädchen in meinem Wohnzimmer, ein Mädchen hat sich dann sogar mit Champagner betrunken, aber es wurde keine Orgie daraus!“
Blog dich frei!
MIKE DOUGHTY war wohl so ziemlich der erste Künstler, der das Thema Blog für sich entdeckt hatte und bis heute regen Gebrauch davon macht. „1994 habe ich das erste Soul Coughing Message-Board entdeckt, und ich fand das sehr aufregend, denn nicht viele Leute kannten unsere Band. Ich habe denen dann geschrieben: ‘Who are you people? What’s going on?’ Ich habe dann immer weiter geschrieben, war online immer präsent, und als das Blogging dann aufkam, war es ganz natürlich für mich, da weiterzumachen.“ Auch zu dem Thema, ob das Internet der Musikindustrie hilft oder nicht, hat er seine eigene Sichtweise: „Das ist nicht wichtig! Das Internet i-s-t, das ist alles!“, gibt er auf Deutsch zu verstehen, was natürlich heißen soll, dass es nun einmal existiert und man sich damit arrangieren muss. „Es gibt nichts, was wir da tun können. Ich habe ja noch nicht einmal mit Soul Coughing viel Geld verdient, mich berührt das nicht weiter. Mir persönlich hat es geholfen, aber ich hatte ja bereits eine Zuhörerschaft. Für neue Bands ist das sicherlich schwieriger, auch wenn es zwischendurch mal eine Band mit einem Song schafft, bei MySpace voll abzugehen, trotzdem musst du immer noch raus auf die Straße… und das ist nicht einfach. Du brauchst einen Transporter, Benzin… Ich denke, es werden weniger Bands da draußen werden, aber das ist für mich ja nicht unbedingt schlecht.
Television! The Drug Of The Nation!
Ähnlich wie Ingrid Michaelson oder Andrew Paul Woodworth, werden auch die Songs von MIKE DOUGHTY gerne in amerikanischen Serien als Begleitmusik ausgewählt. Wie ihm das passieren konnte, weiß er aber auch nicht so recht. „Ich habe keine Ahnung, die haben mich einfach angerufen, haben an meine Tür geklopft. Aber es ist ernüchternd, denn richtig gut bezahlen die auch nicht mehr. Weil es einfach kein Radio mehr gibt, kommen sie zu dir, und jeder sagt: ‘Bitte! Bitte! Nehmt einen Song von mir!’ Ich habe eine Band auf meinem Label, die für eine Sony-Werbung in Amerika genommen wurden. Da gab es fast gar kein Geld – für eine Riesenkampagne! Sony weiß genau, dass die Band unbekannt ist und froh sein muss für das, was sie bekommt. Wenigstens ist es gute Öffentlichkeitsarbeit für die Band. Ich weiß ja nicht, wie es bei Euch ist, aber in Amerika ist das Radio tot. Für die Musik ist es auf lange Sicht gesehen besser, aber für Bands, die Geld verdienen wollen, eher schlecht. Aber whatever! Ich bin einfach nur glücklich, dass ich mit der Musik meinen Lebensunterhalt bestreiten kann.“ Und dabei sollte man ihn unterstützen!
Mike Doughty – Girl In The Blue Dress
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