Vielleicht sollte man zur Abwechslung mal von hinten anfangen: die Menge tobt, die Band haut als Zugaben die Hits der ersten Platte raus und alle sind glücklich und zufrieden. Wäre jemand erst zu diesem Zeitpunkt in das Hamburger Docks eingelaufen, er hätte glatt vermuten können, dass er versehentlich eine Zeitmaschine bestiegen hätte und im Jahr 1995 gelandet wäre. So laut, so gut, so intensiv – alles Dinge, die die Deftones mal zu der Band gemacht haben, die ein ganzes Genre inspiriert hat. Oder auch zwei bis drei.
Aber auch wenn man von vorne anfängt kann man ohne Umschweife feststellen: die Deftones spielen heute Abend ein verdammt gutes Konzert. Nur Publikum und Sound, die sind noch nicht ganz so auf Augenhöhe. Der geneigte Fan ist nun eben nicht mehr 16, und so beweglich wie der Herr Moreno da oben, der auch mit vorangeschrittenem Alter noch wie eine emsige Bergziege alles besteigt, das sich so bietet, ist man eben nicht mehr. Aber sie sind trotzdem alle gekommen. Die einen, um sich zu überzeugen, dass der Chino auch wirklich wieder dünn ist und auch immer noch so schön schreien kann, die anderen, um sich des aufrührerischen Glanzes ihrer Jugend zu erinnern. Emokids, die einige im Pit ordentlich zu vermöbeln geplant hatten: Fehlanzeige. Hier steht definitiv die Fanbase der ersten Stunde, und die will bedient werden.
Chino und Bande haben aber eine andere Mission: auch noch dem letzten Ungläubigen einhämmern, dass „Diamond Eyes“ das fabelhafteste Album dieses Jahres ist. Und dass diese Band relevanter ist als sie es vielleicht je war – und nicht, wie ich nach ihrem letzten, eher mauen Album „Saturday Night Wrist“ von 2006 hätte schwören können: ausgebrannt. Die Tragödie, die sich Leben nennt, hat die Deftones wieder belebt. Der Opener ist mit „Rocket Skates“ also mutig gewählt – ein Brett von einem Song, bam! In your face! Aber dann gleich schön die Hits hinterher, bam bam bam! „Around the Fur“, „My Own Summer (Shove It)“, „Be Quiet and Drive“, Headup“, „Knife Party“, „Digital Bath“ – best of Deftones ’95 bis 2000, und langsam tut sich auch was im Zuschauerraum. Chino hingegen agiert dort oben ab Sekunde eins rastlos, in blaues Nebellicht getaucht, bedankt sich immer schon, bevor das Publikum überhaupt die Möglichkeit bekommt, zu reagieren. Man könnte man fast meinen, er sei nervös. Mit diesem Backkatalog: völlig unbegründeterweise.
Doch wie schon erwähnt: heute geht es um „Diamond Eyes“. Da ist es nur konsequent, dass nach der Nostalgierunde fast das komplette neue Album gespielt wird. Am Stück. Da funkt nur das gerne vernachlässigbare „Xerces“ dazwischen, eine kurzzeitige Verschnaufpause in einem Set, das im Album-Block-Format daherkommt. Wenn es einen nicht schon auf Platte längst gepackt hat, dann hoffentlich spätestens jetzt. Hart, verletzlich, druckvoll, einschneidend und immer auf dem Scheideweg zwischen Hoffnung und Verzweiflung. „Risk“ widmen sie Chi – aber handelt nicht ohnehin dieses ganze Album immer auch von ihm? „Sextape“, dieser Wahnsinnssong, der alles auf den Punkt bringt: „The sound of the waves collide / Tonight“. Diese unfassbare Schönheit, mit „Royal“ postwendend weggefetzt. Und schließlich noch mal „Bloody Cape“ und „Minerva“ vom selbstbetitelten Viertling rausgehauen, bevor sich die Deftones sogar noch selbst übertreffen: „Passenger“. Einfach nur großes Kino. Mit zehnjähriger Distanz zwischen Veröffentlichung von „White Pony“ und dem heutigen Abend muss man sagen: ist schon ein ganzschöner Knaller, das Ding. Da möchte man selbst gerne in die Vergangenheit zurückreisen und sich bei diesem Album entschuldigen: Ja, ich habe dich verschmäht! Ich war unwürdig! Vergib mir, „White Pony“!
Und so schließt sich der Kreis von hinten nach vorne über mitte links und noch mal rechts: es hagelt Hits Hits Hits – das bandintern zwischenzeitlich verhasste „7 Words“ markiert den dreckigen Rausschmeißer und versöhnt die Deftones mit einem nah am Fail gebauten Publikum und ja, auch mit ihrer eigenen Vergangenheit.
Und um der Logik dieser Konzertkritik gerecht zu werden, das erste und schlechteste nun also zum Schluss: Coheed and Cambria. Aufgesetzter, pseudo-dramatischer Möchtegern-Prog mit Klaus-Stockdale-Lookalike in Geberpose. Völlig zu Recht zum Support degradiert, trotzdem noch fehl am Platz. Wer da klatscht, der steht garantiert danach auch auf der Empore, nippt an seinem Becks und schielt neidisch auf den Moshpit. So!
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