Meta

Ort: Hamburg

Datum: 10.02.11

Art: Face2Face

Artist: Cold War Kids

Title: Mine Is Yours

Label: Cooperative Music (Universal)

VÖ: 21.01.2011

Interviews

Interview COLD WAR KIDS (Nathan Willet / Matt Maust)

Interview COLD WAR KIDS (Nathan Willet / Matt Maust)

Fast schon eine self-fulfilling prophecy: Die COLD WAR KIDS gastieren in einem ehemaligen Luftschutzbunker, der heute unter anderem das Uebel & Gefährlich in Hamburg beheimatet. Mit ihrem neuen, nunmehr dritten Album „Mine is Yours“ im Gepäck spielen sie an einem zugigen Mittwochabend vor doch am Schluss noch vollem Haus ein intensives, wahnsinnig tightes Konzert. Hamburg, die Indie-Haupstadt, hat ihren jüngsten Nachwuchs in den vierten Stock des Betongebildes aus düsteren Zeiten entsandt, um sich ihre Seelen mit Soul streicheln zu lassen. Die COLD WAR KIDS sind alte Bekannte, haben sie doch genau hier auch ihr erstes von mittlerweile fünf Hansestadtgastspielen bestritten.

„Mine Is Yours“ hatte noch nicht mal zwei Wochen Zeit, sich seinen Weg in die Herzen seiner Hörer zu fräsen. Man merkt: mit der Mitklatschsicherheit ist es daher noch nichts, dafür aber umso mehr mit dem Willen zum unbedingten Moshpit – auch wenn an sich nicht unbedingt angebracht – und zu ausufernden Crowdsurf-Einsätzen. Das Publikum bleibt aber – wohl auch der Struktur des Clubs geschuldet – zweigeteilt. Vorne mosht und nickt man sich nen Wolf, hinten steht man regungslos auf Augenhöhe mit der Band, die gleich mal feststellt, dass „ihr da hinter anscheinend irgendwo ganz anders seid“. Allerdings.
Irgendjemand ganz anderes ist auch die Band da oben, jedenfalls im Vergleich zu den Gesprächspartnern, die ich vor der Show aus der Reserve zu locken versucht habe. Vielleicht macht mir aber auch der zwei Tage zuvor begangene Europatour-Auftrakt in London einen Strich durch die Rechnung, gepaart mit einem Interviewtag zuvor in Köln, oder aber auch die nicht gerade lobpreisenden Kritiken einiger Musikfachblätter wie NME und Rolling Stone im Zuge des jüngsten Releases. „Wir würden lügen, wenn wir sagen würden, dass uns das nichts ausmacht“, knurrt mir dann auch Frontmann Nathan Willett – Unikatsvokaleigner, maniac Keyboarder und Gitarrengött in einem – wenig begeistert auf meine Nachfrage entgegen. „Heute ist es einfach, irgendetwas zu kommentieren, einfach weil jeder es kann.“ Sie seien aber zum Glück – auch dank Twitter und Facebook – sehr nah dran an den Leuten, die schätzen, was sie machten, so dass sie auch viel positive Resonanzen auf „Mine Is Yours“ erhalten hätten. Dennoch seien sie aber letztlich froh, eine Platte gemacht zu haben, die solch geteilte Meinung provozieren könne.

„Ich erinnere mich noch, dass ich als Jugendlicher nie verstanden habe, warum sich meine Lieblingsbands plötzlich verändert haben. The Clash zum Beispiel. Aber jetzt kann ich das total verstehen, Veränderung ist einfach notwendig. Und oft war es ja auch so, dass gerade die Alben, die ich erst als zu anders abgelehnt habe, meine Lieblingsplatten wurden“, erklärt Bassist Matt Maust. „Mine Is Yours“ ist tatsächlich anders als seine Vorgänger, mit der EP „Behave Yourself“ haben die COLD WAR KIDS quasi eine Tür zugeschlagen und eine andere geöffnet. Zunächst hat sich das vor allem im Aufnahmeprozess manifestiert: „Sonst haben wir immer alle Songs schon fertig gehabt, bevor wir ins Studio gegangen sind. Dort haben wir dann zwei Wochen lang aufgenommen, und fertig. Diesmal haben wir nur Ideen gehabt und alles vor Ort ausgearbeitet. Das hat schließlich über 3 Monate gedauert!“ Produzent Jacquire King durfte diesmal den Laden zusammenhalten, und hat den COLD WAR KIDS zu einem anderen, mutigeren Sound verholfen. Auch wenn es aufgrund der Künstlerhistorie des Mannes aus allen Ecken „KOL“ flüstert, sind die Vier froh über ihre Wahl. „Natürlich ist es erstmal einfach, uns mit Kings of Leon zu vergleichen, nur weil wir jeweils den gleichen Produzenten für unsere aktuellen Alben hatten“, so Nathan. „Aber mit der Zeit werden sie merken, dass ‚Mine Is Yours’ für sich steht.“ Für Jacquire King habe man sich zudem vor allem wegen seiner Arbeit mit Modest Mouse und Tom Waits entschieden – letzterer gehört zu den unangefochtenen Heroes der Band. Also auch wenn der KOL-Bezug irgendwie auf der Hand liegt, möchte man bei den COLD WAR KIDS fast dafür dankbar sein, das ihr „Sex On Fire“ aka „Hang Me Up To Dry“ immer noch nur dort ein Hit ist, wo er hingehört: in jede verdammt Indiedisco, aber nicht vor 16.000 Fans in der Wuhlheide.

Für „Mine Is Yours“ hat sich das Quartett aus Kalifornien Zeit genommen, den LA Vibe LA Vibe sein lassen und sich in die Abgründe und Banalitäten des menschlichen Zwischeneinanders begeben. Kommt man dem manchmal ungewollt zu nahe? „Es besteht immer die Gefahr, zu persönlich zu werden“, bestätigt Nathan. Aber schließlich leben davon die Songs, vom Gegensatz zwischen Allgemeingültigkeit und narrativer Offenbarung. Doch anders als noch auf „Behave Yourself“ ist Nathans signifikanter Gesang diesmal gedeckelt durch eine fast schon dialogische Instrumentstrukur – sieht man die Band live, versteht man auch, wie dieser Eindruck entsteht: Immer wieder kommt man sich auf der Bühne sehr nah, berührt sich, get connected. Da schwurbelt keiner nur in seinen Sphären rum, sondern auch in denen der anderen. Fast nimmt das ein bisschen was von Nathans Frontmann-Arroganz, die er im Interview noch mit einem manischen Wipptick vervollständigt. Vielleicht strahlen Songs wie „Bulldozer“ und „Cold Toes“ gerade deshalb trotz der schwierigen Materie, die sie behandeln, einen grundsoliden Optimismus aus. Die Düsternis der ersten Alben ist verschwunden, wie Maust bestätigt. Das Spektrum hat sich deutlich erweitert.

Cold War Kids – Hang me up to dry / Hamburg
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